Kirchenarchitektur:

Der ursprüngliche Turm, der später als Kirche genutzt wurde, war sicherlich nur ein schlichter Zweckbau. Im Untergeschoss befanden sich der Kirchenraum und darüber die ehemalige Wohnung der adeligen Damen. Wenn man sich Photos der alten Kirche anschaut, kann man auf der Nordseite einige Störungen im Mauerwerksverband im Obergeschoss feststellen. Der Verband wechselt dort vom Gotischen zum Blockverband. Dort waren früher eventuell die Fenster der Wohnung. Das gleiche gilt für die Nordwestecke und den Westgiebel, wo auch ein Blockverband zu finden ist. Der Gotische Verband ist das Ursprungsmauerwerk des Turmes, dafür spricht auch die Wandstärke von fast einem Meter. Solche Mauern sind für das 15. Jahrhundert typisch, also genau für die Zeit, in der der Turm gebaut worden sein soll. Der Westgiebel, der Anbau von 1750 und einige Ausbesserungen an der Nordwand sind im Blockverband ausgeführt worden. Dieser Mauerwerksverband wurde erst nach 1550 benutzt. Der Anbau des neuen Kirchenschiffes ist in einer äußerst späten Form der Gotik entstanden. Normalerweise hätte der Anbau zu dieser Zeit im Barockstil errichtet werden müssen, doch es gab immer einige Gebiete, in denen alte Stile weiterlebten oder wieder auflebten. Eigentlich ist die Zeit der gotischen Kirchen ab 1550 vorbei, aber einige Kirchen, wie z. B. die Kirche von Hornburg (bei Wolfenbüttel), wurden noch viele Jahrzehnte später in einem spätgotischen Stil erbaut.

Was auf alten Photos der Inselkirche noch auffällt, sind Putzreste am Westgiebel. Hieraus kann man schließen, dass früher zumindest der obere Teil der Westseite vollständig verputzt war. An anderen Stellen sind keine Verputzreste sichtbar, was aber nicht zwangsläufig heißen muss, dass dort niemals Putz war.

Nun kommen wir zu dem Entwurf für den Neubau vom Architekten Schulz aus Bückeburg. Diese Kirche entsprach damals sicherlich voll und ganz dem Zeitgeschmack. Die Gotik war spätestens seit der Zeit Karl Friedrich Schinkels wieder eine gefragte Stilrichtung und sie galt als besonders deutsch.

Dieser Kirchenentwurf hätte auch in anderen norddeutschen Städten stehen können; die Formensprache war angelehnt an die großen Vorbilder aus den ehemaligen Hansestädten an Nord- und Ostsee. Der hoch aufragende Turm und die reichen Verzierungen verliehen dem Bau ein sehr beeindruckendes Aussehen. Man kann an diesen Plänen sehen, dass der Architekt etwas von seinem Handwerk verstanden hat, doch Qualität hat seinen Preis. In diesem Fall war der Preis, wie schon erwähnt, zu hoch. So kommen wir also zu dem ausgeführten Bau, den wir noch heute sehen können; dieser ist eine wahre „Spar-Version“ von Neogotik. Auf einen sehr einfachen Baukörper wurden gotische Elemente aufgebracht, die allerdings im Detail manchmal nicht richtig ausgeführt sind. So waren z.B. die Chorfenster nicht so entworfen, wie man sie im Mittelalter ausgeführt hätte. Die Bögen hätten spitzer und die Rosetten dafür kleiner sein müssen. Auch der Turm ist im Vergleich zum Kirchenschiff recht klein geraten, ein wenig mehr Höhe hätte ihm gut getan. Dies wäre dann aber auch wieder teurer geworden. Es gibt für die Norderneyer Kirche sicherlich keine mittelalterlichen Vorbilder und die gotischen Elemente sind nur nach verschiedenen Formenkatalogen zusammengestellt. Daraus lässt sich schließen, dass der Baumeister Schumacher aus Leer vermutlich keine große Erfahrung im Kirchenbau besaß und ansonsten sicherlich anderen Aufgaben nachging.

Auch wenn die Norderneyer Inselkirche vielleicht nicht die schönste und vielleicht auch nicht die wohldurchdachteste Kirche ist, so ist sie dennoch für die Insel, deren Bewohner und Gäste etwas ganz Besonderes. Sie spiegelt einen wichtigen Teil der Norderneyer Geschichte wieder und sie bildete schon immer das Zentrum der Insel.

Innenausstattung und Kirchenraum:
Im Zentrum der Aufmerksamkeit wird in der nächsten Zeit natürlich die neue Orgel stehen. Dieses wunderschöne Musikinstrument ist ohne Zweifel eine große Bereicherung für den Kirchenraum, aber es gibt neben der Orgel noch vieles Andere zu entdecken. Die wichtigsten Ausstattungsstücke sind sicherlich der Altar, die Kanzel und das Taufbecken. Sie stammen alle aus der gleichen Zeit und wurden für den Kirchenneubau 1879 angefertigt. Seitdem stehen sie in der Inselkirche. Der Altar mit Retabel (Altar-Aufsatz) wurde in der Fabrik Heinersdorf in Berlin angefertigt. Er war eine Spende der Grafen Erhard und Botho und Gräfin Frieda von Wedel, sowie von Helene Christine und Rindelt Henriette Hafner. Stilistisch ist der Altar, genau wie die ganze Kirche, im neogotischen Stil gehalten. Die Felder des Retabels haben die typischen Spitzbögen und das Ganze wird von gotischen Fialen bekrönt. Der Altar besteht aus Holz und war ursprünglich dunkel gefärbt. Die Felder des Retabels besaßen eine farbige Ausmalung, die im mittleren Feld einen Stoffüberhang vorgeben sollte. Die beiden äußeren Felder enthielten jeweils einen Bibelspruch: „Kommet her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“ (Matthäus 11, Vers 28) und „Selig sind, die zum Abendmahl (richtige Übersetzung: Hochzeitsmahl) des Lammes berufen sind.“(Offenbarung 19, Vers 9). Diese Sprüche waren von Weinranken umgeben. Heute ist der Altar vollständig weiß übermalt und von seiner ursprünglichen Gestalt künden nur noch alte Aufnahmen. Das Retabel wird größtenteils durch ein Gemälde verdeckt, das auf dem Altar steht. Hierauf wird das letzte Abendmahl dargestellt. Das Bild wird bereits im Jahre 1843 in der Inventarliste der Kirche geführt, doch leider sind Maler und Herkunft des Ölbildes nicht bekannt. Früher hing es lange Zeit in der Sakristei.