Im Jahre 1797 wurde auf Norderney das zweite deutsche Seebad gegründet. Damals gab es 543 Einwohner. Durch den Napoleon-Feldzug hatte das Badeleben aber schon bald wieder ein Ende. 1814 wurde die Seebadeanstalt wiedereröffnet und 1815 fiel Norderney an das Königreich Hannover. Der wirtschaftliche Aufschwung war jetzt in vollem Gange und es setzte eine rege Bautätigkeit ein. 1836 wurde die Insel die Sommerresidenz des hannoverschen Kronprinzen und Herzogs von Cumberland. 1851 verlegte dieser als König Georg V. seine sommerliche Residenz nach Norderney. Die Einwohner- und auch die Gästezahl stiegen stetig an. 1852 hatte Norderney bereits über 1000 Einwohner. Die Kirche war inzwischen wieder viel zu klein. Im Jahre 1865 kam es zu ersten konkreten Planungen für einen Kirchenneubau, um dem aufstrebenden Seebad gerecht zu werden. Bis 1876 liefen die Verhandlungen über einen Neubau. Das größte Problem stellte die enorme Bausumme dar, die die Gemeinde nicht alleine aufbringen konnte. Die ersten Planungen für die Inselkirche mussten aus Kostengründen verworfen werden. Der geplante neogotische Bau vom Architekten Schulz aus Bückeburg mit reichen Verzierungen war einfach zu teuer. Auch Varianten dieser Planung waren zu kostspielig. Man nahm von diesen Plänen Abstand und beauftragte nun den Baumeister Schumacher aus Leer mit den Neubauplanungen. Dieser legte einen wesentlich schlichteren Entwurf vor, der stilistisch auch an der Neogotik orientiert war. Auch diese Kirche war für die Gemeinde zu teuer und so beschloss der Kirchenvorstand nur eine Ausbesserung der alten Inselkirche. Nun kam allerdings Hilfe aus Berlin vom Kaiser des Deutschen Reiches und Königs von Preußen, Wilhelm I., höchstpersönlich. Zusammen mit seiner Frau spendete er der Inselgemeinde 50.000 Mark, womit dann der Neubau für 88.000 Mark überhaupt erst möglich wurde, auch wenn der Restbetrag für die Gemeinde immer noch sehr hoch war. Um für den Bau noch etwas mehr Geld zu bekommen, wurde die alte Kirche auf Abbruch verkauft. Der Vertrag hierfür wurde am 14. November 1877 aufgesetzt. Darin wurde geregelt, dass vor dem Abbruch die alte Ausstattung ausgebaut werden sollte, um sie dann teilweise an andere Gemeinden verkaufen zu können, so z.B. die Kanzel und die Sitzbänke. Der Abbruchunternehmer hatte für den Abbruch nur vier Wochen Zeit und musste alle Gegenstände von Wert, die bei den Arbeiten entdeckt werden sollten, abgeben, so z.B. alte Münzen, die die Gemeinde natürlich behalten wollte. Anfang 1878 wurde mit dem Abbruch der alten Kirche begonnen. Leider ist von dem Bau bis auf den Gedenkstein nichts erhalten. Auch der Turm, der für die Inselgeschichte so wichtig war, wurde restlos abgetragen. Man leistete sich hier wohl keine Sentimentalitäten und erachtete das Bauwerk als nicht sonderlich schützenswert. Der Baubeginn der neuen Kirche war am 22. März 1878. Beim Bau tauchten schon bei den Arbeiten am Fundament Probleme auf. Die Norderneyer waren der Meinung, dass man bei dem Bau die Ostung der Kirche nicht genau eingehalten habe. Beim Kirchenbau ist es üblich, den Altar genau im Osten aufzustellen. Im Mittelalter wurden alle großen Kathedralen von Ost nach West gebaut, damit man im Ostteil schon Gottesdienste feiern konnte, auch wenn die Kirche noch nicht fertig war. Die Insulaner stellten also den Baumeister aus Leer zur Rede, dieser war sich aber keines Fehlers bewusst. Die Seeleute holten ihre Kompasse heraus und stellten eine Abweichung fest. Die Arbeit

wurde abgebrochen und man musste von Neuem beginnen; die Norderneyer hatten Recht behalten.

Die Bauarbeiten dauerten etwas über ein Jahr und am 11. Juni 1879 konnte die Gemeinde die Einweihung ihrer neuen Kirche feiern. Dieser Tag wurde nicht etwa zufällig gewählt, sondern es war der Tag der goldenen Hochzeit des deutschen Kaiserpaares. Die Genehmigung für die Einweihungsfeier an diesem besonderen Tag kam direkt aus Berlin. Man wollte sich so für die überaus großzügige Spende bedanken und ließ in der Kirche auch einen Gedenkstein aus weißem Marmor einbauen, der dieses Ereignis für spätere Generationen festhalten sollte. Der Stein befindet sich über der nördlichen Empore an der Ostwand des Kirchenschiffes. Die Inselkirche war damals noch von vielen kleinen ein- bis maximal zweigeschossigen Häusern umgeben. Überall waren noch große Freiflächen und die Umgebung hatte immer noch einen recht dörflichen Charakter. Die Kirche musste auf damalige Besucher viel mächtiger gewirkt haben, als sie es heute tut. Die vielen kleinen Fischerhäuser und Pensionen wurden im Laufe der Zeit abgebrochen oder erweitert und die Kirche ist schon lange nicht mehr das größte Gebäude der Insel.